12.09.26 Roswitha Scholz: Differenzen der Krise – Krise der Differenzen

Roswitha Scholz: Differenzen der Krise – Krise der Differenzen

Seit den 2010er Jahren erlebt Intersektionalität, d.h. die Kreuzung verschiedener Diskriminierungsformen und „Identitäten“ im Zusammenhang mit „Rasse“, Klasse, Geschlecht usw., einen wahren Boom, meistens vor dem Hintergrund einer Betroffenheitsperspektive.„Intersektionalität“ ist dabei längst Gegenstand eines verdinglichenden Akademismus und den damit zusammenhängenden Karrierezwecken geworden. Nicht zuletzt für die Sozialarbeit und ihr Lehrpersonal stellt „Intersektionalität“ ein Eldorado professioneller Profilierung dar. Dies gilt selbst für die aus der Intersektionalitätsperspektive weithin ausgeklammerte Dimension des Antisemitismus und manche ihrer antideutschen Vertreter_innen, die sich ursprünglich durch einen antiakademischen Ekel auszeichneten.Gleichzeitig hat weltweit nicht nur ein massiver Rechtsruck stattgefunden. Auch in linken und queerfeministischen Kontexten lässt sich ein Rollback erkennen. Ein alter Klassenkampf-Marxismus wird wiederbelebt, manche entdecken gar den Marxismus-Leninismus neu. Dabei drohen Themen wie Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Homo- und Transphobie usw. wieder zu »Nebenwidersprüchen« zu verkommen. Queerfeministische antirassistische, aber selbst antisemitismuskritische Ansätze kriechen unter diesen Umständen nicht selten willfährig unter den Klassenhut. Diesen Tendenzen wird im Vortrag die Wert-Abspaltungs-Kritik entgegengesetzt -ein Ansatz, der aus einer Verbindung von Wertkritik und Kritischer Theorie hervorgegangen ist.
Dieser Ansatz zielt – nicht zuletzt auch in Abgrenzung zu einem lange vorherrschenden dekonstruktivistischen (Queer-)Feminismus – darauf ab, soziale Ungleichheiten und Diskriminierungsformen sowohl in ihrer Eigenlogik als auch ihrem inneren Zusammenhang mit dem in sich gebrochenen gesellschaftlichen Ganzen zu begreifen. So wird es möglich, eine radikale Gesellschaftskritik in Zeiten des Niedergangs und der Verwilderung kapitalistisch-patriarchaler Verhältnisse zu formulieren.

Roswitha Scholz ist freie kritische Gesellschaftstheoretikerin. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Geschlechterverhältnisse im Kapitalismus, Rassismusforschung, Ideologiekritik & Erkenntnistheorie. Sie ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift Exit!

Moderation: Markus Wollina
Eine Veranstaltung von Masiyot e.V., gefördert durch: Aktionsfonds gegen Antisemitismus

12.9. 19:30 Bajszel